FAIR PLAY: Der Kitt für unsere Gesellschaft

FAIR PLAY: Der Kitt für unsere Gesellschaft
11. Oktober 2015 Ernst Holzmann

Wenn ich mit Menschen über Fairness spreche, blicke ich oft in fragende Augen, oder bemerke teilnahmsloses Schulterzucken. Dies auch im Rahmen der kontroversen Diskussionen um flüchtende und „gestrandete“ Menschen, die auf unseren Schutz und Hilfe angewiesen sind. Vielleicht kommen auch deswegen meine entsprechende Erinnerung an diese Tugend und mein Aufruf für entsprechendes Verhalten zur richtigen Zeit, auch um eine zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft und gewalttätige Lösung von Konflikten zu verhindern.

Fair Play ist nämlich kein Akt von übertriebener Höflichkeit, oder eine besondere, „ritterliche“ Tugend. FAIR gegenüber anderen zu sein hat viel mit elementaren Werten unseres Zusammenlebens zu tun, und kann deswegen auch wie folgt „buchstabiert“ werden:

F = Friedlich
Gerade in der heutigen Zeit, in der die Welt anscheinend immer kleiner wird, die Bevölkerung immer weiter wächst und Menschen ihre Rolle und ihren Platz suchen, sind entsprechende Konflikte vorprogrammiert. Wir erleben ungezügelte Gier nach Besitz und Macht, aber auch die nackte Angst um´s tägliche Überleben, welche ganze Völker aus schierer Verzweiflung in den Lebensraum anderer treibt. Und auf der anderen Seite Menschen, die sich in diesem „Raum“ komfortabel eingerichtet haben, immer weniger bereit sind zu teilen, und an „Fremde“ schon gar nicht. Durch die Möglichkeiten globaler Kommunikation prallen zusätzlich noch „im Sekundentakt“ kontroverse Meinungen aufeinander, oft genug auch Vorurteile. Entscheidend bei der Lösung dieser Konflikte wird der Einsatz von Verstand, Vernunft und von Mitgefühl sein und nicht das mitleidlose Beharren auf erarbeiteten Besitz. Natürlich haben wir alle ein Recht auf eine eigene Meinung, auf ein Menschenwürdiges Leben und auf erarbeiteten Wohlstand. Aber diese Rechte können und dürfen nicht mit Gewalt erstritten und verteidigt werden, weil es dann am Schluss nur Verlierer geben kann. Und wenn man auf Menschen mit „offenen Armen“ zugeht, wird man von diesen eben anders behandelt, als bei geballten Fäusten.

A = Achtung von Menschen und Ressourcen
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nicht umsonst ist dies der erste Satz im Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Auch beeinflusst durch die schrecklichen Erfahrungen zweier Weltkriege und durch das daraus abgeleitete Lernen für unsere Zukunft und für unser Zusammenleben. Zu dieser Achtung gehören das Respektieren von anderen Kulturen, Religionen und der jeweiligen Herkunft, sowie das Akzeptieren von anderen Anschauungen. Und dass niemand wegen seines Aussehens, Geschlechts oder einer Behinderung diskriminiert werden darf, ist genauso selbstverständlich. Was aber bei dem Thema „Achtung von anderen Anschauungen“ oft vergessen wird – auch bezüglich der ebenfalls im Grundgesetz festgeschriebenen Meinungsfreiheit – ist der Hinweis auf die Grenzen der „Entfaltung der persönlichen Freiheit“. Diese darf eben nicht die Rechte und/oder die persönliche Ehre anderer verletzen und schon gar nicht zur Herabwürdigung, Beleidigung, oder sogar Hetze missbraucht werden.
Und zu Achtung und Fair Play gehört auch der sorgsame Umgang mit der Umwelt und den vorhandenen Ressourcen. Egoistische Ausbeutung ist dabei ebenso zu ächten, wie das schamlose Ausnutzen der vom Staat und der Gesellschaft bereitgestellten Einrichtungen und Mittel.
I = Im Rahmen von Gesetzen, Regeln und Vereinbarungen
Nicht Manipulieren, Täuschen, oder seinen eigenen Vorteil zu Lasten anderer suchen. Sondern sich an das jeweilige Regelwerk und an getroffene Vereinbarungen halten, auch wenn es einem manchmal schwer fällt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber die Hemmschwelle zur Nichtbeachtung wird immer niedriger, der Weg vom „Schwarzfahren zu gefälschten Doktor-Arbeiten immer kürzer.
Dies auch, weil es zu viele negative Beispiele gibt, wie man mit Bruch der Regeln und Gesetze erfolgreich sein kann, und auch der oft verwendete Ausdruck „Kavaliersdelikt“ gaukelt eine scheinbare Akzeptanz von Fehlverhalten vor. Dabei erzählt ja gerade das Sprichwort „Lügen haben kurze Beine“, von der geringen Überlebenschance des entsprechenden Betrugs und wer möchte denn schon gerne etwas mit dem jeweiligen Missetäter zu tun haben? Da hilft es dann auch nicht, wenn man zum Beispiel wie Diego Maradona bei seinem Regelverstoss auf „die Hand Gottes“ verweist, der Ruf bleibt irreparabel zerstört, das Vertrauen in den Menschen geht verloren und am Schluss steht man alleine auf dem jeweiligen „Spielfeld“ da.

R ücksichtnahme
Menschen sind nun mal nicht alle gleich, jeder hat andere Talente, Stärken und Schwächen. Und nicht alle kommen mit den gleichen Voraussetzungen (z.B. Elternhaus, Geburtsort) zur Welt. Damit ergeben sich automatisch auch unterschiedliche Möglichkeiten, Ziele, Wünsche und Erwartungen. Da wir aber aufeinander angewiesen sind – schon beginnend als Kind auf die Fürsorge von Mutter und Vater – ist für ein geregeltes Miteinander die gegenseitige Rücksichtnahme essentiell. Als abschreckendes Beispiel dazu kann auch der Fußball dienen, bei dem Fair Play ja seinen Ursprung hat. Was hier an den Wochenenden von der Kreis- bis zur Bundeliga manchmal zu beobachten ist, spottet jeder Beschreibung des erwähnten Begriffs. Ohne Rücksicht auf die Gesundheit (nicht nur des Gegners) werden hier „Ellenbogen ausgefahren“, die Knochen „poliert“ und wüste Beschimpfungen verteilt. Dass man damit aber genauso zurückbekommt, wie man „in den Wald hineinruft“ kapieren die wenigsten. Gegenseitige Fairness bedingt ja gerade den Verzicht auf den eigenen Vorteil, wenn dieser nur mit körperlichen oder seelischen Verletzungen erreicht werden kann wird. Und echte Rücksichtnahme heisst eben auch, die besondere Situation von Schwachen oder Benachteiligten zu berücksichtigen, diesen zu helfen und sie nicht alleine zurückzulassen.

Möglicherweise sind meine Erwartungen bezüglich Fair Play und der entsprechenden Verhaltensweisen zu idealistisch und vielleicht bin ich ja der letzte Überlebende einer aussterbenden Spezies.

Ich bin aber fest davon überzeugt, dass faires Miteinander (und nicht aggressives Gegeneinander) der „Kitt unserer Gesellschaft“ und die Basis für vernünftiges Zusammenleben ist, wenn nicht sogar für unser gesamtes Überleben.
Oder, um Mahatma Gandhi zu zitieren: „Auge um Auge und die ganze Welt wird blind sein!“

 

Dieser Beitrag erschien auch bei FOCUS

56 Jahre, hat in seinen beruflichen Verantwortungen (u.a. Geschäftsführer Vertrieb & Marketing, Leiter Unternehmensstrategie und Business Development) u.a. bei der Siemens AG, Siemens Nixdorf und NEC-Mitsubishi „live“ die Herausforderungen und Erfolgsfaktoren bzgl. Change Management, Geschäftsstrategie und Leadership kennen gelernt. Er ist leidenschaftlicher „Fußballer“ (u.a. jahrelanger Spieler, Trainer mit DFB-Lizenz, Sportlicher Leiter und Vorstand bei verschiedenen Amateur-Vereinen) und agiert aktuell als Redner, Interim Manager und Unternehmensberater. Gleichzeitig gibt er als Dozent an Hochschulen (u.a. für Sportökonomie, Leadership, Marketing und Kommunikation) seine Erfahrungen aus der Wirtschaft an die Studierenden weiter und agiert als Referent (Vertrieb und Marketing) bei Unternehmens-Seminaren.

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