Der Ehrbare Kaufmann und die „Hand Gottes“

Der Ehrbare Kaufmann und die „Hand Gottes“
24. August 2015 Ernst Holzmann

Wenn ich an Hochschulen „lehre“, oder bei Veranstaltungen über „Führen als Vorbild“ spreche, greife ich immer wieder auf das Beispiel eines „Ehrbaren Kaufmanns“ und auf die Führungsprinzipien von entsprechenden Persönlichkeiten aus dem Sport zurück.

Ottmar Hitzfeld, einer der erfolgreichsten Fußball-Trainer überhaupt (u.a. mehrfacher Deutscher Meister und Champions-League Sieger), hat z.B. sein Erfolgsrezept und sein Verständnis von ehrbar einmal ganz einfach ausgedrückt: „Man musste sich auf mein Wort verlassen können!“

Beim Zitieren dieses Führungsprinzips und bei der Beschreibung des „Ehrbaren Kaufmanns“ entdecke ich aber oft große Fragezeichen in den Augen der jeweiligen Menschen, wenige können mit diesem „Rezept“ etwas anfangen oder kennen nicht einmal das entsprechende Leitbild.

Vielleicht auch deswegen, weil sie täglich erleben, dass im Geschäftsleben und für die eigene Karriere andere Mittel eingesetzt werden. Zum Beispiel Tricksen und Täuschen, Alles Versprechen – Nichts Halten, seinen eigenen Vorteil suchen, „Ellenbogen breit machen“ und keine Rücksicht auf die Umwelt und die Gesellschaft nehmen.

Meine Antwort auf die fragenden Augen ist dann der Start einer Diskussion, die ich mit meiner „Übersetzung“ von EHRBAR beginne:

E = Ehrlichkeit
Menschen fällt es anscheinend immer schwerer, offen und ehrlich ihre Meinung und die Wahrheit zu sagen, weil sie entweder persönliche Vorteile behalten, oder entsprechende Nachteile vermeiden wollen. Genauso verhält es sich mit Manipulieren und Täuschen, von Stehlen ganz zu schweigen. Die entsprechende Hemmschwelle wird immer kleiner, der Weg von „Schwarzfahren“ oder Falsch Parken zu Steuerhinterziehung und gefälschten Doktor-Arbeiten wird immer kürzer. Auch weil es zu viele negative und zu wenige positive Beispiele gibt, sind Menschen in Führungspositionen besonders gefordert, die in Vergessenheit geratene Tugend der Ehrlichkeit vorzuleben und einzufordern. Und natürlich auf keinem Fall dem Beispiel von Diego Maradona folgen, der bei der WM 1986 in Mexiko ein klares Handspiel (und das erzielte Tor) mit der „Hand Gottes“ erklärte und den Regelverstoss nicht zugab.

H = Halten an Gesetze, Vorschriften, Regeln, Vereinbarungen.
Geht Hand in Hand mit Ehrlichkeit und ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, nicht nur für Führungskräfte und Unternehmer. Oft sind aber die entsprechenden Verhaltensregeln nicht das Hochglanz-Papier wert, auf dem sie gedruckt sind, zusätzlich noch unter komplizierten Überschriften wie „Compliance“ oder „Corporate Governance“ versteckt. Beim Einhalten der entsprechenden Vorschriften gilt ebenfalls das Prinzip des Vorlebens der Verantwortlichen auf allen Ebenen und in allen Bereichen. Da es aber nicht überall „Heilige“ gibt, bedarf es natürlich auch entsprechender Mechanismen und Kontrollen, um Missbrauch zu verhindern. Und wenn es nur das klassische „Vier-Augen-Prinzip“ in der Geschäftsführung, die Einführung von Wertgrenzen bei Unterschriftsregelungen, oder regelmässige, externe Revisionen. sind. Und diese laufend und unabhängig und nicht erst auf Druck der Öffentlichkeit oder von Seiten der Justiz.

R = Respektvoller Umgang mit Menschen.
Mitarbeiter/innen mit Wertschätzung führen und ihre Leistung honorieren, Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern (Kunden, Lieferanten,…) auf „Augenhöhe“ und auch die Leistung von Wettbewerbern anerkennen. Andere Menschen nicht herabwürdigen und ganz besonders auch deren kulturelle Eigenheiten akzeptieren. Das sind die Merkmale von Respekt, wobei respektvolle Behandlung nach meinen Erfahrungen nicht gleichbedeutend mit „in Watte packen“ oder „Weggucken“ ist. Bei Fehlverhalten und/oder mangelnder Leistung bedarf es klarer Worte, aber hier ist das „Wie“ entscheidend. Emotionale Ausbrüche und Schuldzuweisungen sind fehl am Platz. Stattdessen ist sachliche Argumentation gefragt, das Aufzeigen von „Soll und Ist“ und das Anbieten von Lösungs- und Verbesserungsmöglichkeiten.

B = Bescheidenheit
Vorstände fliegen First Class und übernachten in Luxus-Suites, ihre Mitarbeiter/innen dürfen es sich aber in der Tourist-Class „bequem“ machen und bei „Bed & Breakfast“ absteigen. Führungskräfte die so handeln, sind sich entweder nicht bewusst, wie verheerend sich so ein Verhalten auf das Engagement ihrer Mitarbeiter/innen auswirken kann, oder es ist ihnen schlichtweg egal. Dass damit automatisch die emotionale Bindung an den Arbeitgeber verloren geht, sich viele Beschäftigte sogar in die innere Kündigung zurückziehen und nur noch Dienst nach Vorschrift machen, ist die logische Konsequenz.

A = Achtung.
„Nicht nur an Umsatzzahlen und Produktionsziffern wird der moderne Unternehmer gemessen, sondern immer mehr auch daran, was er aus sozialer Verantwortung heraus bereit ist, für die Gesellschaft zu tun.“ Und wenn es um Verantwortung geht, würde ich diese Empfehlung von Werner Otto (Gründer der Otto Gruppe) zusätzlich um Achtung ergänzen. Natürlich ist der Kernzweck eines Unternehmers, eines Kaufmanns, die Erzielung eines angemessenen Gewinns, aber nicht aus purem Egoismus und „koste es was es wolle“. Rücksichtslose Ausbeutung von Menschen und Natur sind dabei ebenso zu ächten, wie das schamlose Ausnutzen der vom Staat und der Gesellschaft bereitgestellten Ressourcen und Einrichtungen.

R = Redlichkeit
„Üb’ immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab. Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab.“ Diese Zeilen von Ludwig Hölty (Deutscher Dichter im 18. Jahrhundert) fassen vielleicht am besten die Charaktereigenschaften eines Ehrbaren Kaufmanns zusammen. Aufrichtig sein, loyal zu seinem Unternehmen stehen, keine Vorteile aus seinem Amt ziehen, das entgegengebrachte Vertrauen anderer nicht missbrauchen. Und Menschen eben nicht durch besondere „Wohltaten“ korrumpieren und abhängig machen. Oder anders ausgedrückt: Anstand!

Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass nur ein Verhalten wie ein Ehrbarer Kaufmann bei allen Beteiligten Vertrauen schafft, und Vertrauen ist ja bekanntlich die Basis für nachhaltigen Erfolg, egal, ob „auf dem Platz“, oder im Büro.

Jetzt frage ich mich (und Sie): Bin ich ein hoffnungsloser Romantiker und warum konnte Diego Maradona seinen Betrug nicht einfach zugeben?

 

Dieser Artikel erschien u.a. auch bei „Wertewandel„.

59 Jahre, hat in seinen beruflichen Verantwortungen (u.a. Geschäftsführer Vertrieb & Marketing, Leiter Unternehmensstrategie und Business Development) bei der Siemens AG, Siemens Nixdorf und NEC-Mitsubishi „live“ die Herausforderungen und Erfolgsfaktoren bzgl. Change Management, Geschäftsstrategie und Leadership kennen gelernt. Er ist leidenschaftlicher „Fußballer“ (u.a. jahrelanger Spieler, Trainer mit DFB-Lizenz, Sportlicher Leiter und Vorstand bei verschiedenen Amateur-Vereinen) und agiert aktuell als Redner, Interim Manager und Unternehmensberater. Gleichzeitig gibt er als Dozent an Hochschulen (u.a. für Sportökonomie, Leadership, Marketing und Kommunikation) seine Erfahrungen aus der Wirtschaft an die Studierenden weiter und agiert als Referent (Vertrieb und Marketing) bei Unternehmens-Seminaren.

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