Herr Blatter: Wer führt, der muss ein Vorbild sein!

Herr Blatter: Wer führt, der muss ein Vorbild sein!
13. Juni 2015 Ernst Holzmann

Mit seinem Verhalten schädigt Fifa-Boss Josef Blatter nicht nur den Fußball. Er verletzt auch alle Ansprüche, die man an Menschen an der Spitze stellt. Hier heißt es nämlich Vorbild zu sein. Worauf es dabei ankommt.

  • Vorbildliche Führungspersönlichkeiten handeln im Interesse des Ganzen, nicht in ihrem eigenen.
  • Vorbildliche Führungspersönlichkeiten achten auf Regeln und Gesetze, machen einen Bogen um Schmiergelder.
  • Vorbildliche Führungspersönlichkeiten übernehmen die Konsequenzen für ihr Handeln, auch wenn das den Rücktritt bedeutet.

VORBILD kann man auch wie folgt „buchstabieren“:

V wie Vetternwirtschaft verhindern

Diese ist ein perfektes Mittel, mit dem sich schwache Führungskräfte – in Verbänden, in der Politik, aber auch bei Unternehmen – durch entsprechende Wohltaten die Unterstützung von ebenfalls schwachen Mitarbeiter/innen sichern. Mit Beförderungen auf repräsentative Positionen mit üppigen Gehältern werden Abhängigkeiten geschaffen, die wiederum kritikloses „Abknicken“ der Entscheidungen des jeweiligen Vorgesetzten nach sich ziehen.

Vorbildliche Führungspersönlichkeiten agieren anders. Im Sinne des Unternehmenserfolges fordern und fördern sie kritische und oft sogar unbequeme Personen. Diese bewerten bzw. entlohnen sie nach messbaren Leistungskriterien und ihrem Beitrag zum Unternehmenserfolg.

O wie offen kommunizieren

Nicht nur Herr Blatter meint anscheinend: Der Besitz von Informationen bedeutet Macht, und je weniger man andere informiert, umso mehr stärkt man die eigene Position. Dass mit diesem Verhalten aber automatisch Misstrauen gegenüber den handelnden Personen entsteht und niemand bereit ist, auch von seiner Seite aus offen und ehrlich Probleme und Lösungsmöglichkeiten zu kommunizieren, ist dann die logische Konsequenz.

Kluge Unternehmenslenker wissen, dass eine offene Kommunikation in alle Richtungen die Basis für Vertrauen und damit für nachhaltigen Geschäftserfolg ist. Sie informieren deswegen eher zu viel als zu wenig – auch bei negativen Ereignissen. Sie erläutern Hintergründe von Entwicklungen und ihren Entscheidungen im Detail. Sie ermuntern die Beschäftigten, sich offen und aktiv untereinander auszutauschen, auch über Hierarchie- und Abteilungsgrenzen hinweg.

R wie Regeln und Gesetze beachten

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit für jede Führungskraft. Aber nicht nur bei der Fifa sind die hehren Ansprüche oft nicht das Hochglanz-Papier wert, auf dem sie festgehalten sind.

Bei diesem Punkt gilt ganz besonders das Prinzip der Unbestechlichkeit und der Vorbildfunktion der Verantwortlichen auf allen Ebenen und in allen Bereichen.

Und dies bedeutet dann im Zweifel natürlich auch, auf Einladungen zu Fußball-Events zu verzichten, wenn die entsprechenden Wertgrenzen überschritten werden – egal ob von der Fifa oder vom örtlichen Lieblings-Club organisiert. Und wenn man Aufträge durch gesetzeswidrige Schmiergelder gewinnen will. Ausreden wie „Das macht aber unsere Konkurrenz genauso“ sollen meistens nur von eigener Unfähigkeit oder von Schwächen im Produkt-Angebot ablenken.

B wie bescheiden bleiben

„Wir sind wegen hartem Wettbewerb leider gezwungen, Beschäftigte freizustellen, beantragen aber gleichzeitig die überfällige Erhöhung von Vorstandsbezügen und Boni auf marktübliche Verhältnisse.“ Viele Verantwortliche von Unternehmen sind sich nicht bewusst, wie verheerend sich so ein Verhalten auf das Engagement ihrer Mitarbeiter/innen auswirkt. Oder es ist ihnen schlichtweg egal.

Dass damit automatisch die emotionale Bindung an den Arbeitgeber verloren geht, viele Beschäftigte sogar nur noch Dienst nach Vorschrift machen, ist die logische Konsequenz. Wenn schon gemeinsam harte Zeiten durchgestanden werden müssen, dann ist das mindeste, was von einer akzeptierten Führungskraft erwartet werden kann, das gemeinsame Teilen der schmerzhaften Einschnitte und nicht der Belegschaft „Wasser predigen“ und selber „Wein trinken“.

I wie Integrität beweisen

„Der Zweck der Fifa ist: Integrität, und Ethik zu fördern“ (aus der Satzung). Wenn man sich die ursprüngliche Herkunft (lateinisch „integritas“) und Übersetzung des Wortes („anständig und ehrlich“) vor Augen führt, kommt man nicht nur beim Handeln von Repräsentanten der Fifa, sondern auch bei dem von manchen Unternehmen ins Grübeln.

Führungskräfte, egal in welcher Funktion oder bei welcher Organisation, müssen sich immer bewusst sein, dass sie an der eigenen Integrität gemessen werden. Nur wenn sie anständig und ehrlich mit ihrer Mannschaft umgehen, erhalten sie im Gegenzug die entsprechende Unterstützung der Teammitglieder und hohe Leistungsbereitschaft.

L wie Loyalität vorleben

Das „wahre“ Kapital eines Unternehmens sind treue Kunden oder Geschäftspartner und vor allem qualifizierte, engagierte und loyale Mitarbeiter/innen. Um diese (hohe) Loyalität zu erreichen, ist es entscheidend, dass Fairness und Aufrichtigkeit wiederum nicht nur in irgendeiner einer Satzung oder in einem Unternehmensleitbild stehen, sondern gerade von Führungskräften tagtäglich praktiziert werden.

Wenn diese Werte nicht vorhanden sind oder sogar massiv verletzt werden, muss man sich nicht wundern, dass dann das „Kapital“ (egal ob Sponsoren der Fifa oder Mitarbeiter/innen eines Unternehmens) fluchtartig das Weite sucht. Und plötzlich muss man „Kevin allein zu Haus“ spielen.

D wie Demut zeigen

Damit wären wir bei Bernhard von Clairvaux, dem berühmten Zisterzienser-Abt und seiner starken Empfehlung: „Stehe an der Spitze um zu Dienen und nicht um zu herrschen!“ Aber diese Eigenschaft ist vermutlich nicht nur Herrn Blatter unbekannt. Dabei sollten sich vor allem die Verantwortlichen in Spitzenpositionen täglich vor Augen führen, wem sie denn eigentlich den persönlichen Erfolg zu verdanken haben. In vielen Fällen ist dies nämlich oft der Zufall (zur richtigen Zeit am richtigen Fleck), oder das berühmt-berüchtigte Vitamin-B wie Beziehungen“.

Ach so, beinahe hätte ich es vergessen! Zu einem echten Vorbild gehört nämlich auch, Verantwortung zu übernehmen, gerade, wenn in seiner Organisation ein schwerwiegendes Fehlverhalten auftritt. Egal, ob man direkt involviert ist oder nur Kenntnis davon hatte. Denn auch im Fall von Nichtwissen hat die verantwortliche Führungskraft bei den entsprechenden Kontrollmaßnahmen versagt und seine Aufsichtspflicht verletzt.

Und wenn Herr Blatter oder andere Unternehmenslenker Nachhilfe dabei brauchen, wie im Krisenfall die richtigen Konsequenzen zu ziehen sind: Sie könnten beispielsweise einfach mal  in den Memoiren von Willy Brandt blättern. Der damalige Bundeskanzler trat aus wesentlich banaleren Gründen zurück, auch um die von ihm vertretene Organisation und das Amt vor nachhaltigem Schaden zu schützen.

Dieser Artikel erschien in leicht angepasster Form auch auf Focus.de

59 Jahre, hat in seinen beruflichen Verantwortungen (u.a. Geschäftsführer Vertrieb & Marketing, Leiter Unternehmensstrategie und Business Development) bei der Siemens AG, Siemens Nixdorf und NEC-Mitsubishi „live“ die Herausforderungen und Erfolgsfaktoren bzgl. Change Management, Geschäftsstrategie und Leadership kennen gelernt. Er ist leidenschaftlicher „Fußballer“ (u.a. jahrelanger Spieler, Trainer mit DFB-Lizenz, Sportlicher Leiter und Vorstand bei verschiedenen Amateur-Vereinen) und agiert aktuell als Redner, Interim Manager und Unternehmensberater. Gleichzeitig gibt er als Dozent an Hochschulen (u.a. für Sportökonomie, Leadership, Marketing und Kommunikation) seine Erfahrungen aus der Wirtschaft an die Studierenden weiter und agiert als Referent (Vertrieb und Marketing) bei Unternehmens-Seminaren.

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