Wirkungsvolle Strategie und Taktik: von echten CHAMPIONS lernen [Teil 2]

Wirkungsvolle Strategie und Taktik: von echten CHAMPIONS lernen [Teil 2]
13. November 2014 Ernst Holzmann

FC Bayern München und BVB Borussia Dortmund als Lehrbeispiele

Nichts ist schwieriger,  aber auch reizvoller und spannender, als eine Organisation die „im Mittelfeld vor sich hindümpelt“ an die Spitze zu führen und dies im beinharten Wettbewerb und mit limitierten finanziellen Mitteln. Ebenfalls großem Geschick und entschlossenem Handeln bedarf es, einen ehemals souveränen Marktführer nach Jahren des Misserfolges wieder neu zu positionieren und zu alter Stärke zu führen. Der BVB Borussia Dortmund und der FC Bayern München haben eindrucksvoll bewiesen, dass beides möglich ist.  Zwar mit unterschiedlichen  Strategien, aber immer konsistent auf Basis der eigenen Stärken und Identität, und vor allem getreu dem Prinzip „Menschen machen den Unterschied“.  Dabei spielten sowohl Kontinuität und Expertise in der Führungsmannschaft eine große Rolle, als auch entschlossenes und konsequentes Handeln. Was Verantwortliche in Unternehmen von diesen beiden CHAMPIONS lernen können, zeigt die Analyse der Vorgehensweise der eigentlich so unterschiedlichen, aber trotzdem in den letzten Jahren gleichermaßen erfolgreichen, Vereine.

Teil 2: FC Bayern München

2.1 Ausgangssituation Dezember 2010

Beim Klassenprimus der 1. Bundesliga  war das Weihnachtsfest 2010 nicht besinnlich und schon gar nicht friedvoll.  Als Marktführer, der täglich im Rampenlicht der Öffentlichkeit und Medien steht, wurde man zum wiederholten Mal damit konfrontiert,  dass Titel der Vergangenheit nichts wert sind und bei zwei Niederlagen in Folge schon von Krise gesprochen wird. Noch im Sommer war alles anscheinend (wieder) in bester Ordnung. Musste man in der Saison 2008/09 mit der Verpflichtung von Jürgen Klinsmann noch schmerzlich erfahren, dass sich Erfolgsrezepte nicht so einfach 1:1 kopieren lassen (weder in Fußball-Vereinen, noch bei Unternehmen), brachte sein Nachfolger Louis v. Gaal die „Roten“ wieder zurück in die Erfolgsspur. Er verbreiterte den Mannschaftskader mit gestandenen Profis (u.a. M. Gomez, I. Olic, A. Tymoshchuk und A. Robben) und forcierte durch die Integration von Nachwuchsspielern (z.B. T. Müller, H. Badstuber, D. Contento) den Verjüngungsprozess der Mannschaft. Lohn dieser Rundumerneuerung war das Double (Meister und DFB-Pokalsieger) gleich in seiner ersten Saison 2009/10 und das Vordringen in das Finale der Champions League. Aber gerade hier wurden der jungen und unerfahrenen Mannschaft von Inter Mailand die Grenzen aufgezeigt und man verlor chancenlos mit 0:2. Rückblickend musste den Verantwortlichen (Aufsichtsrat und Vorstand) des FCB schon bei der Verpflichtung von v. Gaal klar gewesen sein, dass sie zwar einen unbestrittenen Fachmann (u.a. dreimaliger Meister mit Ajax Amsterdam, Champions League- und Weltpokalsieger) verpflichtet hatten, aber genauso eine Persönlichkeit mit starkem Ego, Eigenwilligkeit und wenig Bereitschaft Kontrolle abzugeben bzw. zu akzeptieren. Als dann im Winter 2010 die Erfolge ausblieben (auch wegen Formkrisen bei den Spielern wegen der Teilnahme an der WM, Verletzungsmiseren und dem damit zusammenhängenden schlechten Saisonstart), war der Krach schon vorprogrammiert.  Es kam, wie es kommen musste: v.Gaal wurde im März 2011 beurlaubt, sein Co-Trainer A. Jonkers übernahm und sicherte mit einem dritten Platz in der Bundesliga gerade noch die Teilnahme an der Qualifikation zur Champions League.

2.2 „Der Kurs stimmt, aber nicht das Betriebsklima“

Nach der Trennung von v. Gaal stand der Verein vor der paradoxen Situation, dass zwar der Umbruch (sowohl vom Spielsystem als auch von der Zusammensetzung der Mannschaft) eingeleitet und Erfolge erzielt wurden, dass dabei aber das Betriebsklima und auch der „Wohlfühlfaktor“ abhandengekommen waren. Bestimmt spielten dabei die hektischen Trainer-Wechsel in den letzten Jahren eine Rolle, vielleicht auch die nicht geglückte „Zepter-Übergabe“ von U. Hoeneß an Christian Nerlinger, bei der die  Verantwortlichkeiten und Entscheidungsprozesse anscheinend nicht klar genug geregelt waren. In dieser Situation erinnerte man sich an einen guten, alten Bekannten: Jupp Heynckes.

Dieser hatte nicht nur die ausgewiesene Fachkompetenz, die entsprechenden Erfolgsnachweise (u.a. Champions League Sieger mit Real Madrid) und die Erfahrung,  sondern vielmehr noch den besonderen „Stallgeruch“ und die Akzeptanz,  um beim FC Bayern neben all den anderen „Alpha-Tieren“ (Hoeneß, Rummenigge, Beckenbauer, Breitner,…) bestehen und zur Verbesserung des Betriebsklimas beitragen zu können. Schon bei seinem ersten Engagement beim FC Bayern von 1987 bis 1992 wurde er zweimal Deutscher Meister und führte die Mannschaft dreimal in das Halbfinale des Europokals für Landesmeister. Seine Entlassung (auch auf Druck der Medien) im Herbst 1992 bezeichnete U. Honeß rückblickend „als einen seiner größten Fehler in der Personalpolitik“ und dies nicht nur, weil ihn und Heynckes eine tiefe Freundschaft verbindet.

2.3 Spitzenkräfte für Spitzenleistungen, in allen Positionen und Bereichen

Spätestens nach der so enttäuschend verlaufenden Saison 2011/12 als auch mit Jupp Heynckes nur zweite Plätze (Bundesliga, Champions League, DFB Pokal) verbucht werden konnten, wurde im Sommer 2012 eine radikale Kursänderung vorgenommen. Die Verantwortlichen realisierten, dass der vorhandene Spielerkader in der Breite und ganz speziell in der Spitze nicht ausreichte und erweitert werden musste.  Dies auch, um die Dreifachbelastung durch die einzelnen Wettbewerbe zu kompensieren und damit sowohl die nationale Spitze zurück zu erobern, als auch endlich den begehrten „Henkelpott“ (Champions League Pokal) in den Händen halten zu können. Es wurde konsequent gehandelt, die bisher gewohnte Investitionszurückhaltung (es wird nur so viel in neue Spieler investiert, wie durch Spieler-Verkäufe eingenommen wird) aufgegeben und ca. € 70 Millionen für neue, hochklassige Spieler (u.a. Martinez, Shaqiri, Mandzukic, Dante, Pizarro) ausgegeben. Zusätzlich sorgte man mit dem Wechsel vom glücklosen Ch. Nerlinger zu M. Sammer für das „Gleichgewicht der Kräfte“, auch dadurch, dass Sammer zum vollwertigen Mitglied des Vorstandes ernannt wurde.   Frühzeitig (im April 2013) wurde dann auch noch die Verpflichtung der nächsten Spitzenkraft, Pep Guardiola (erfolgreichster Vereinstrainer der letzten fünf Jahre), als Nachfolger von Jupp Heynckes auf der Cheftrainer-Position abgeschlossen und stolz verkündet.  Das „Durchsickern“ des Transfers von Deutschlands hoffnungsvollstem Nationalspieler, Mario Götze, von Borussia Dortmund, kurz vor dem Duell gegen die „Schwarz Gelben“ im Champions League Finale, machten dann dem letzten klar, dass der FCB alles tun wird, um seinen Platz an der Spitze (national und international) zurückzuholen und zu verteidigen, auch durch bewusste Schwächung des direkten Konkurrenten.

2.4 Jupp Heynckes als Teambilder, Motivator und Entscheider

Um die Wichtigkeit von Personen, in diesem Fall Jupp Heynckes, ihren Anteil für den schlussendlichen Erfolg, und die dazu benötigten Fähigkeiten richtig bemessen und einordnen zu können, zitiert man am besten Aussagen von Hermann Gerland (war in den letzten vier Jahren sowohl Assistent von  Van Gaal und Heynckes) im Fußball-Magazin „11 Freunde“ vom Juli 2013. Frage von „11 Freunde“: Hat er (Heynckes) als Reaktion auf die Niederlage gegen Chelsea (Champions League Finale 2012) seine Arbeitsweise geändert“? Antwort H. Gerland:  „Nein, das musste er auch nicht. Jupp Heynckes hat nämlich eine unvorstellbare wichtige Fähigkeit: Er vermittelt jedem Mitarbeiter, dass er wichtig ist. Den Spielern und allen drum herum. Ob für den Platzwart, den Zeugwart oder die Angestellten auf der Geschäftsstelle, er hat für sie immer ein nettes Wort. Er beschimpft auch keinen Spieler der gegnerischen Mannschaft, der einen von uns umnietet. Er ist souverän und in jeder Beziehung ein Gentleman. „ Oder: Bei Jupp Heynckes war in dieser Saison auffallend, wie sehr ihn die Spieler immer wieder gefeiert haben. Antwort Gerland: Die Mannschaft liebt ihn, auch wenn das vielleicht ein komischer Ausdruck ist……..Er musste viele schwere Gespräche führen…..Jupp hat das unvorstellbar gut gemacht. Immer den Spieler direkt geholt, ihm seine Entscheidung begründet, in einer Art, die sensationell ist. Ganz ehrlich: Ich könnte das nicht. Ich hätte Angst davor, einem Mario Gomez zu sagen, dass er heute nicht spielt.

Dass das alte Sprichwort „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus“ immer noch stimmt, beweist die Aussage von Heynckes (Interview im SPIEGEL vom 16.6.2013) zu den Gründen des Erfolges und der Reflektion der Spieler auf seinen Führungsstil: Die Rekordsaison sei vor allem deswegen möglich gewesen, weil alle Spieler „ihre Egoismen überwunden haben, selbst die, die das vorher nie gelernt hatten. Sogar Robben und Ribery haben plötzlich Defensiv-Aufgaben übernommen.“

2.5 Erfolge

Nach zwei Jahren ohne Titel dominierte 2012/13 der FC Bayern die Bundesliga wie selten zuvor. Bereits am ersten Spieltag übernahm er mit einem 3:0 gegen den Neuaufsteiger Greuther Fürth die Tabellenführung und behielt diese durchgehend bis zum Saisonende. Acht Siege zu Saisonbeginn bedeuteten einen neuen Rekord; am 28. Spieltag sicherte man durch ein 1:0 gegen Eintracht Frankfurt vorzeitig die 23. Meisterschaft der Vereins- und den schnellsten Titelgewinn der Bundesligageschichte (am Ende der Saison mit 25 Punkten Vorsprung vor Borussia Dortmund). Der DFB Pokal wurde durch ein 3:2 gegen den VFB Stuttgart gewonnen, aber das unbestrittenen Highlight – auf das der gesamte Verein seit dem letzten Erfolg in 2001 gewartet und hingearbeitet hatte – war der Gewinn des Champion League Finales gegen den nationalen Rivalen und Titelträger der letzten zwei Jahre, Borussia Dortmund.

Welche Last den Spielern, Trainern und Vereinsverantwortlichen mit dem Gewinn dieses Titels – und dadurch auch Überwindung des Traumas verursacht durch die Niederlage im letzten Jahr im Finale „dahoam“ – von den Schultern fiel, konnte man ansatzweise aus den Bildern der entsprechenden Feierszenen erkennen.

Menschen und Erfolge FC Bayern München

2.6 Ausblick (November 2014)

Die wertvollste Fußball-Marke der Welt, erstmals mehr als 500 Mio. Euro Umsatz (Geschäftsjahr 2013/14), die Allianz-Arena 15 Jahre früher als geplant abbezahlt. In der Bundesliga schon wieder von den Verfolgern nur mit dem Fernglas zu sehen, im DFB-Pokal und in der Champions-League locker weiter und nach dem 7:1 beim AS Rom noch eine Audienz beim Papst, mehr geht eigentlich nicht. Eigentlich hätte man erwarten können, dass spätestens mit dem Gewinn des „Triples“ bei den Bayern „die Luft raus sei“ und auch für den neuen Chefcoach P. Guardiola die Messlatte ganz schön hoch gelegt wurde. Aber schon auf Basis der ersten Beobachtungen aus der Saison 2013/14 drängte sich ein ganz anderes Bild auf. Der Hunger nach Titeln schien bei der eigentlich noch jungen Mannschaft jetzt erst geweckt, auch nachdem der Druck weg war, diese zu holen. Guardiola scheint der Mannschaft gut zu tun,  mit neuer „Ansprache“, Setzen von neuen Reizen und noch stärkerem Fokus auf Ball- und Spielkontrolle. Der Kader wurde zusätzlich mit Weltklasse-Spielern (Lewandowski, Bernat, Benatia und vor allem X. Alonso) verstärkt, auch um den Tanz auf mehreren Hochzeiten aushalten zu können. Es wird spannend bleiben, zu beobachten, wie der Weg der Bayern weiter geht und wie sie international vor allem gegen die „Königlichen“ aus Madrid mit ihrem Supersturm (Ronaldo, Bale, Benzema, Jamez) bestehen können. Aber das Verletzungspech hat die Bayern zwischenzeitlich schon wieder eingeholt (Badstuber, Thiago, Alaba) und wie sagte Matthias Sammer einmal so schön: „Das nächste Spiel ist immer das nächste…“

59 Jahre, hat in seinen beruflichen Verantwortungen (u.a. Geschäftsführer Vertrieb & Marketing, Leiter Unternehmensstrategie und Business Development) bei der Siemens AG, Siemens Nixdorf und NEC-Mitsubishi „live“ die Herausforderungen und Erfolgsfaktoren bzgl. Change Management, Geschäftsstrategie und Leadership kennen gelernt. Er ist leidenschaftlicher „Fußballer“ (u.a. jahrelanger Spieler, Trainer mit DFB-Lizenz, Sportlicher Leiter und Vorstand bei verschiedenen Amateur-Vereinen) und agiert aktuell als Redner, Interim Manager und Unternehmensberater. Gleichzeitig gibt er als Dozent an Hochschulen (u.a. für Sportökonomie, Leadership, Marketing und Kommunikation) seine Erfahrungen aus der Wirtschaft an die Studierenden weiter und agiert als Referent (Vertrieb und Marketing) bei Unternehmens-Seminaren.

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